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Teil III Kapitel 18

Kirche auf dem Gelände der italienischen Botschaft in Kabul.

Die Büchse der Pandora

„Ich treffe 14 Jahre später in Kabul den Mann, von dem ich als 17-jährige geträumt habe.“

Dienstag, 10. April 2007

Die Temperatur lag um 11 Uhr schon über 20° Celsius. Wenn es regnete brachte der Regen etwas frische in die Staubtrockene Luft von Kabul. Das Hotel war in kürzster Zeit schon mehr ausgebucht, als dies geplant war. Dieses neuartige Sicherheitskonzept schien aufzugehen. Viel Firmen aus Deutschland, England, Frankreich, Schweden und USA buchten für ihre Ingenieure und Mitarbeiter diesen Service. Korrespondenten aus vielen Länder der Welt gingen mit ihren Teams ein und aus. Einige Medienanstalten aus verschiedenen Länder reservierten sogar Zimmer für die Dauer von einem Jahr.

Marco und Tamina verlegten die Personen, die nicht unbedingt in Kabul tätig waren auf das andere Haus in Kunduz. So blieb es in Kabul überschaubarer. Dem Direktor von dem Hotel in Kundus, Corey Mitchell, waren zwei Logistikoperator zugeteilt. Mason Roberts und James Nelson, beide US-Amerikaner, gehörten zum Team von Hannes, waren aber in Kunduz stationiert.

Walter war mit der P-750 so viel am fliegen, dass per sofort zwei weitere dieser Flugzeugtypen in Hamilton bei Pacific Aerospace bestellt wurden. Am 6. April wurden beide P-750 auf den Flugplatz Kabul geliefert. Für den Transport von Neuseeland nach Afghanistan charterte Malcolm Evans die Antonow An-225. Alles musste auf einmal wahnsinnig schnell gehen. Lediglich die Flügel wurden in Kabul an die P-750 xstrol angebaut – sonst hätten die zwei Flugzeuge nicht in die Antonow gepasst. Ein Team von der Pacific Aerospace bauten die zwei Flugzeuge zusammen. Durch die vielen Maschinen und Geräte in der Darulaman Road war dies viel einfacher und schneller als geplant. Gleichzeitig wurden noch ein Gabelstapler, Maschinen, Werkzeuge und Ersatzteile für die Flugzeuge im Hangar auf dem Flugplatz gekauft und gelagert. Direktor Malcolm Evans investierte  nochmals 6,5 Millionen US-Dollar für den Standort Kabul.

Sonntag 8. April 2007

Am Sonntag den 8. April konnten alle drei Flugzeuge eingesetzt werden. Ein Flugzeug wurde so eingeplant, dass dies morgens die 245 Kilometer Luftlinie nach Kundus flog und dort bis 18 Uhr eingesetzt wurde. Nach Sonnenuntergang verbot Hannes den Piloten zu fliegen. Walter besorgte sehr schnell zwei gute Piloten. Einen Deutschen, Ralf Möller, der auch Kampfjets bei der Bundeswehr geflogen hatte und einen Belgier, Arian Goossens. Er flog Interkontinental Frachtflugzeuge bei ASL Airlines Belgium mit Sitzt in Lüttich. Beide waren am 3. April in Kabul gelandet und am 8. April schon im Einsatz.

Bis auf fünf Personenschutz Teams, also 30 Personen waren die andere acht Teams, mit insgesamt 64 Personen, im ganzen Land verteilt. Es gab mitunter in der Logistik sehr hektische und lange Tage. Journalisten mussten immer schnell zu einem Ort gebracht werden. Der Fuhrpark mit den 36 Fahrzeugen in Afghanistan war fast vollständig ausgelastet, sodass noch sechs Toyota Quantum Busse und vier Land Rover Armoured – mit einem Auftragsvolumen von fast 3 Millionen US Dollar, in Großbritanien bestellt wurden. Hannes verfügte über ein monatliches Budget, das nun um das vierfache höher lag, als am Anfang vom Jahr. Für die Zeit bis zur Lieferung der neuen Fahrzeuge wurden gepanzerte Fahrzeuge, samt Fahrer, in Kabul oder anderen Städten angemietet. Da diese Fahrzeuge nicht über die geforderten Notfallsysteme verfügten, wurden diese nur für den Transfer zum Flughafen oder kleinere Strecken eingesetzt. Hannes wollte nicht den kompletten Fuhrpark verteilen, aus Sicherheitsgründen und zur mobilitäts Garantie, sollten immer noch 2 Fahrzeuge als Reserve in der Darulaman Road bleiben.

Er plante am Computer den Tag und den morgigen, als sein Handy klingelte, es war Nila. „Guten Tag Nila, wie geht es dir?“ „Hallo Hannes, viel Arbeit. Ich hätte nie gedacht, was da alles auf Samira und mich zukommt. Wir sind hier so weit fertig. Wann kannst du kommen?“ „Lass mir bis Donnerstag Zeit, ich ersticke in Arbeit. Ich habe nun noch zwei weitere Piloten in meinem Team. Wir mussten sehr schnell zwei Flugzeuge kaufen. Ich habe auch noch 10 Autos bestellt. Ich bräuchte Leute. Wir sind schon am Überlegen, ob wir gute Polizisten oder Soldaten aus Afghanistan abwerben könnten. In den USA läuft eine große Werbekampagne. Wir brauchen Leute ohne Ende. Ich hätte nie gedacht, dass dieses Konzept so einschlägt.“ „Wow Ich frage mal den Polizeichef in Gardez, vielleicht kennt er gute Leute. Bei euch bekommen sie wenigstens einen ordentlichen Lohn.“  „Das wäre super. Ich hatte gestern mit Aamun Ghubar telefoniert. Er würde sich heute mit einem Offizier der Nationalarmee treffen, um dort mein Problem vorzutragen. Wenn wir wenigstens 15 gute Soldaten bekommen könnten, wäre mir schon sehr geholfen.“ Wie hast du den Donnerstag geplant?“ „Wir werden sechs Frauen von Khost nach Kabul fliegen, die hier medizinisch versorgt werden. Ich werde Roger fragen, ob er mir Harper Taylor oder Kayla Wright an das Frauenhaus bringen könnte. Eine Ärztin kann doch besser über den Gesundheitszustand entscheiden, als wir es können.“ „Du machst schon alles richtig. Ich freue mich auf dich. Hab auch eine Überraschung für dich. Bis Donnerstag.“
Eine Überraschung? Hoffentlich keinen positiven Schwangerschaftstest!

Außer Annemieke war niemand bei Hannes im Büro, so überlege er, ob er sie bezüglich seiner Gedanken ansprechen sollte „Annemieke, ich hätte da mal eine Frage?“ Sie sah ihn zwischen den Monitoren hindurch an und wartete auf eben jene Frage. Sie rollte mit ihrem Stuhl vom Tisch weg um ihn besser zu sehen und wartete immer noch auf seine Frage. „Äh,…du als Frau…müsstest dies bestimmt wissen.“ „Ja – ich warte.“ „Äh,…ab wann kann man einen Schwangerschaftstest feststellen oder prüfen oder wie man das auch immer nennt?“ „Erst in der 4. oder 5. Schwangerschaftswoche ist der Wert im Urin und Blut so hoch, dass die Schwangerschaft tatsächlich festgestellt werden kann. Dabei ist der Urintest sehr beliebt und auch verlässlich. Warum willst du dies jetzt wissen?“ „Nur so. Allgemeinbildung schadet nie.“ Annemieke sah ihn mit großen Augen an „Allgemeinbildung? Und da gehört ein Schwangerschaftstest dazu?“  Hannes verzog den Mund und zog seine Schultern hoch. Er schaute mit einem leichten Blick auf den riesigen Wandkalender, rechst neben der Tür und hoffte, dass Annemieke seinem Blick nicht folgte. Er wollte jetzt nicht gerade mit vollem Blick auf den Kalender schauen. 19. März. Heute 10. April. Drei Wochen und zwei Tage. Er wollte Annemieke jetzt nicht noch einmal fragen, welche Rechnung und Gedanken er im Kopf hatte.
Das schlaue Internet gab ihm die gleichen Antworten wie Annemieke bezüglich seiner Frage nach einem Schwangerschaftstest. Warum musste dies auch so kompliziert sein? Sollte er mit Emily über einen Schwangerschaftstest reden? Sie als Ärztin hätte bestimmt eine andere Rechnung oder Symptome der Früherkennung.

„Annemieke, bitte plane Walter für Donnerstag Nachmittag ab 14 Uhr ein. Ich brauche ihn in der Nähe von Khost. Es sind von Kabul ungefähr 150 Kilometer Luftlinie. Dank.“
Er griff zum Telefon und erkundigte sich wie es bei Mason Roberts und James Nelson in Kunduz lief. Es war schon eine gute Idee gewesen, die Logistik auf beide Standorte aufzuteilen. Kurze Wege, schnelles handeln waren so perfekt organisiert.
„Annemieke,… ich hätte noch eine Frage.“ „Gerne. Für Allgemeinbildung kann man nie oft genug fragen.“ Wie hatte sie dies nun gemeint? Sarkastisch, Ironisch oder Zynisch? Da soll doch mal ein Mann die Frauen verstehen. „Äh,… warst du schon einmal schwanger?“  Völlig entrüstet lies sie ihren Kugelschreiber fallen „Was!? Nicht das ich es wüsste.“  Diese mittelgroße blonde belgierin hatte auf einmal einen Blick in den Augen, der töten konnte. Was hatte er mit seinen Fragen für eine Kiste aufgemacht! „Ich wollte es nur mal wissen. So von den Symptomen aus der Sicht der Frau gesehen… so eben …irgendwie.“ „Stehst du unter Drogen?“ „Ach nee, ich will nur mal wissen, wie das so ist. So… mit… Gurken, Sauerkraut und Eis mitten in der Nacht.“ Ihr Blick verfinsterte sich „Dies ist IN und nicht VOR der Schwangerschaft!“ „Aha.“ „Ist nun deine Allgemeinbildung auf dem Stand, wie du sie gerne hättest?“ „Ja doch. Danke.“ 

Irgendwie musste er aus dieser Situation raus. Er griff nach seinem Handy und rief die Nummer auf seinem Telefon am Schreibtisch an. „Ach schau, Oliver ruft an.“ Er hob den Hörer ab und führte ein kurzes Selbstgespräch.
„Du Annemieke, ich muss mal kurz zur Werkstatt, du hast hier ja alles im Griff.“ „Ja ja, Chef.“ Hatte sie dies nun Sarkastisch, Ironisch oder Zynisch gemeint?

Er ging langsam über den Betonweg zur Werkstatt. Er spürte die Blicke von Annemieke durch die großen Fenster hinter sich. Außer Reichweite von den Fenstern konnte er wieder aufatmen.

Auf dem Geländer der Werkstatt stand sein Auto ganz rechts geparkt. Er sah William Evans, der an einem Auto neben seinem etwas am arbeiten war. „Hallo William, na – wie bist du mit der Werkstatt zufrieden?“ „Top. Eine solche Einrichtung hätte ich nie erwartet. Es macht Spaß hier zu arbeiten. Das eine Auto sieht aber schon etwas mitgenommen aus!“ „Ja, dass ist mein Auto. Da waren doch etwas viel Schotter, Steine, Büsche und Kanalbrücken im Weg.“ William zog die Augenbrauen hoch und konnte der Aussage nicht ganz folgen. „Es werden noch mehr Auto mit solchen Kampfspuren kommen. Wenn es dabei bleibt, haben wir viel Glück.“ „In wie fern?“

Im Büro der Werkstatt zeigte Hannes  William Fotos, die er auf seinem Computer hatte. Fahrzeuge, die auf Minen fuhren, Fahrzeuge auf die mit einer AK 47 geschossen wurden oder Fahrzeuge, vor denen kurz zuvor eine Sprengfalle explodierte. „Großer Gott im Himmel!“ „Die Fahrzeuge die mit einer AK 47 beschossen wurden, war mein Konvoi, im letzten Jahr.“ William sah ihn mit großen Augen an. „Ja, William, damit müssen die Personenschützer täglich rechnen. Bete zu Gott, dass du keine Hirnmasse aus den Autos entfernen musst.“  „Du sagst dies alles so ruhig, als ob vieles normal wäre.“ „William, was soll ich dir sonst sagen? Panik verbreiten und alle Welt verrückt machen? Dies bringt auch niemand weiter. Wir müssen uns dieser Tatsache bewusst sein, dass wir in einem Kriegsgebiet sind, auch wenn die Sonne scheint und wir im Park unter den Bäumen liegen. Ich kann die Leute nur sensibilisieren aufzupassen und eine Gemeinschaft zu schaffen, dass jeder weiß, niemand ist alleine.“ William nickte. „Ich möchte dich um einen Gefallen bitten. Könntest du einen Kinderspielplatz bauen?“ William sah ihn an, als ob ein Ufo gelandet sei „Kinderspielplatz?“ „Ja. Kinderspielplatz. Schaukel, Karussell, Klettergerüst – Kinderspielplatz eben.“ „Chef, ich kann dir nicht ganz folgen.“ „Bestelle Material für eben solche Teile. Rundstahl, Kugellager, Ketten, Lager… alles was man braucht um Spielgeräte zu bauen. Schweiß die Rohre zusammen, nimm dir einen Hausmeister oder deinen Kollegen, der dir hilft. Lackiere das Metall in bunten Farben. Kannst du mir soweit folgen?“ „Natürlich. Nur sehe ich noch nicht den Sinn.“ Hannes erklärte ihm, dass in zwei Tagen misshandelte und  traumatisierte Kinder in dieses Hotel kommen werden. Er möchte für diese Kinder einen kleinen Spielplatz einrichten. Das Gelände zwischen der Werkstatt und der Umfahrt war groß genug für eine Handvoll Spielgeräte. „Ich verstehe. Du möchtest, dass diese Kinder Kinder sein können.“ „Genau.“ 

Hannes zeigte William auf dem Computer einige kleine Beiträge von dem Frauenhaus und den Zuständen damals an der Schule in Gardez. William sah ihn Fassungslos an. „Es stimmt also doch, was man über dich erzählt.“ Hannes legte den Kopf schief. „Ich habe schon viel von dir gehört. Du sollst der beste Chef sein und dich sehr stark für Kinder engagieren.“ „Na ja, denke da wird auch immer viel übertrieben.“ „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Malcolm, Marcel oder Oliver viel übertreiben. Wenn ich nun deinen Wunsch höre, bestätigt es dies doch alles.“ „Hmm. Ja, dann ist es wohl wahr. Bist du mit unserem Direktor verwandt?“ „Mit Malcolm Evans? Das ist mein Onkel. Müsste eigentlich in der Personalakte stehen.“ Ach du liebe Güte, der Feind vor der Haustür! „Tut mir leid, ich konnte noch nicht alle Akten lesen. Du bist ja nun hier, dann brauche ich auch nicht zu lesen. Es freut mich, wenn es dir hier gefällt. Sag deinem Onkel mal liebe Grüße, wenn du mit ihm telefonierst.“ William grinste breit „Er würde ja öfter mit dir telefonieren, aber du bist ja immer so schwer zu erreichen. Sagt Malcolm zumindest.“
Hannes hatte nun die zweite Büchse der Pandora geöffnet. „Weißt du zufällig wo Oliver ist?“ „Der ist mit Marcel auf dem Schießstand bei der Polizei.“ „Gott sei Dank!“

Auf dem Weg zu seinem Büro rief er Oliver an und sagte ihm, er sollte bitte im Büro nicht sagen, dass er auf dem Schießstand ist. „Ich habe vor einer Minute mit Annemieke gesprochen, dass wir nun auf dem Rückweg sind. Warum sollte ich nicht sagen wo ich bin oder war?“ „Och, nur so. Nur so.“
Büchse Nummer drei!

Hannes ging in sein Büro. Andreas und Eliza waren nun auch da. „Ich geh mal schwimmen. Ihr habt hier ja alles im Griff.“ „Ja ja. Mit oder ohne Oliver?“ Kam es von Annemieke. Hatte sie dies nun Sarkastisch, Ironisch oder Zynisch gemeint?

Das Wasser tat ihm gut. Er schwamm einige Bahnen. Im Schwimmbad war noch eine Journalistin aus Italien. Sie stellte sich ihm als Alessia Esposito vor.
An der kleinen Bar, einige Meter vom Schwimmbecken entfernt, erzählte Alessia von ihrer Arbeit. Hannes beneidete diese Journalistin nicht. Ständig auf Achse, ständig erreichbar sein, ständig neuste Beiträge bringen. Er erzählte ihr, wie es mit Gregory Flinn war, welch schöne und gute Reportagen er machte. Aufmerksam hörte sie ihm zu.
„Wie war das mit diesem Frauenhaus?“ Hannes erzählte ihr von den Umständen an diesem Geheimen Ort, erzählte die Geschichte von Ellaha und auch das, was nun geplant war. Und von dem Treffen in Istanbul mit der neugegründeten Organisation “Help for Gardez“.

„Lass uns in einer Stunde im zweiten Stock im Meeting Point treffen, dort kann ich dir Videos zeigen, die ich vor zwei Monaten an verschiedene Hilfsorganisationen  verschickt habe.“ „Gerne. Darf ich mein Team mitbringen?“ „Natürlich. Ist ja nichts geheimes. Der Ort, wo jetzt noch das Frauenhaus steht und wo es neu gebaut wird, wissen nur sehr wenige Menschen. Dies soll auch so bleiben.“ „Verstehe ich nur zu gut. Frauenrechte sind nicht in jedem Land dieser Welt willkommen.“ Hannes nickte „Wir verstehen uns.“

In seinem Büro saßen Marcel und Oliver an den Computern und Karten. Sie brachten neuste Informationen von der Polizeistation aus dem Distrikt Wazir Akbar Khan mit. Hannes las die Blätter, die in einem schlechten Englisch übersetzt waren. „Google könnte sich bei der Übersetzung auch mal etwas mehr Mühe geben. Seit langem ist es in Kabul ruhig, dies macht mir schon etwas Sorge.“ Oliver und Marcel nickten. Sie waren Profis genug um zu wissen, dass Terror nicht schläft. „Ich möchte am Donnerstag die Kinder nach Gardez bringen. Wenn ich mit meinem Auto fahre und zwei Busse, Walter sechs Frauen nach Kabul fliegt, wäre das Haus leer.“ „Willst du das Haus räumen?“ Fragte Oliver. „Ja. So etwas wie mit Amira darf nie wieder passieren. Svea ist dieser Zahl von Mädchen und Frauen doch gar nicht gewachsen.“ Wieder nickten beide ihm zu. „Ich möchte mit Roger reden, ob er eine der beiden Ärztinnen an das Haus bringen könnte. Eine Ärztin kann viel eher sagen, welche am dringendsten Hilfe brauchen.“ „Wer fährt mit?“ Frage Oliver. „Dies wäre meine nächste Frage gewesen. Wenn ihr beide mitfahrt, müsste Samuel hier die Stellung halten.“ „Ich bleibe hier. Lass Samuel auch mal raus.“ „Danke, Oliver. Du hast mir eine schwere Entscheidung abgenommen.“

Hannes rief Roger an und sagte ihm, was er in zwei Tagen vor habe. „Selbstverständlich veranlasse ich dies. Weißt du schon eine Uhrzeit?“ „Ich würde mal gegen Mittag sagen. Du kennst ja die Strecke von Kabul nach Khost.“ „Okay, die zwei Ärztinnen können sich in eurer Abwesenheit schon nützlich machen.“
„Dank dir mein Freund. Leider habe ich wenig Zeit, sonst würde ich bei dir vorbei kommen.“ „Du kannst doch schnell fahren“ lachte Roger herzhaft ins Telefon.

„Ich bin mal weg. Ich bin im zweiten Stock. Habe dort ein Treffen mit einer Alessia Esposito aus Italien. Sie möchte die Videos vom ersten Besuch im Frauenhaus sehen. Wo ist Stacey überhaupt? Ich habe sie und Chris schon lange nicht mehr gesehen.“ Seine Frage konnte keiner im Büro beantworten. So rief Hannes Stacey auf ihrem Handy an. Sie sagte ihm, dass sie seit zwei Wochen im Iran seien, würden aber wieder nach Kabul kommen. „Natürlich kann ich dir noch etwas an Material schicken. Du hast selbstverständlich ein Recht auf diese Beiträge.“ „Dank dir, Stacey. Wenn ich etwas verkaufen kann, kann sich Frau Esposito bei dir melden.“

Als Hannes im zweiten Stockwerk vom Hotel ankam, entschuldigte er sich für seine Verspätung. Als Sicherheitschef müsse er auch die ein oder andere Arbeit erledigen. Alessia Esposito stellte ihre Kamerafrau, Giannina Ricci und den Tonmannn, Fiorenzo Abandonato vor. Alessia sah mit ihren trockenen langen schwarzen Haare ganz anderst aus, als im Wasser. Sie hatte ein leichtes Make-up aufgetragen, trug Jeans und ein rotes T-Shirt. Alessia war 31 Jahre alt. Giannina war auch 31, mittelgroß, kurze hellbraune Haare und ein paar Sommersprossen. Sie trug zu ihrer normalen Figur einen Baumwoll Rock und türkis farbenes Top. Fiorenzo war 45, hatte schwarzes gelocktes Haar mit leichtem Ansatz einer Glatze. Er war etwas kräftig, fiel aber bei seiner Größe von 1,87 Meter kaum auf. Er war in einer leichten Baumwollhose gekleidet und trug ein passendes Hemd zur Farbe der Hose.

Hannes erzählte im groben noch einmal das, was er im Schwimmbad schon Alessia sagte. An dem Computer der in einem Regal an der roten Sitzecke mit Glastischen stand, loggte er sich ein und suchte die Dateien in seinem Ordner. Der große Bildschirm an der rechten Wand, zeigte seine Ordner. Stacey war schnell. Er hatte sogar schon ihre anderen Beiträge von der Schule in Gardez bekommen. Samira war in ihrem Öffentlichkeits- Ressort aus sehr schnell, so konnte er den drei italiener die neusten Veränderungen an der Schule in Gardez zeigen. Mit der Fernbedienung war es ein leichtes Bilder und Videos anzuhalten oder neue Ordner zu öffnen.

Die Geschichte von Ellaha berührte die drei sehr. Bei der 19 jährigen Behar stockte ihnen der Atem. Giannina konnte ihre Tränen nicht zurück halten. „Dies alles hast du erlebt?“  Hannes nickte Giannina zu „Dies und noch viel mehr!“
Er klickte einige neue Fotos von Gardez an und sah auf einem Foto Amira. Er zoomte Amira auf dem Bildschirm so nah, wie es ging. „Schaut euch dieses Mädchen an.“ Er zeigte nun das erste Foto von Amira aus dem Hospital in Khost. Bei den italiener war die gleiche Reaktion wie bei Behar.

Hannes erzählte den dreien die Geschichte von Amira, ließ aber den Teil mit ihrer neuen Identität weg.
„Nach unserem Treffen im Schwimmbad, suchte ich im Internet nach dieser Organisation “Help for Gardez“, die Webseite ist sehr gut und ansprechend aufgebaut“ sagte Alessia. Hannes wusste nichts von einer Webseite. Alessia ging an den Computer und gab die Webadresse ein. Man sah die neuen Spielgeräte, die Arbeiter beim streichen, beim Neubau der Toiletten und die neuen Möbel in den Klassenräume. Es waren fast die gleichen Fotos, die er als Mail von Samira bekommen hatte. Auf einer anderen Seite der Webseite stand ein Text über die Entstehung von “Help for Gardez“.
Dann noch eine Seite mit den Namen des Vorstandes. Kronprinzessin Mary aus Dänemark und Miranda Kerr als Ehrenvorsitzende. Erik und Marpe de Joost, Frank Merk und Jasper Petersen als Vorstand der Organisation. Als Direktorin und Geschäftsführerinnen stand der Name von Nila und Samira dort.
Hannes nickte „Dies ist alles richtig. Diese Personen stehen für dieses Projekt. Was ist daran falsch?“ „Nichts. Überhaupt nichts. In der Historie taucht öfter ein Name auf, bist du diese Person?“ Hannes zog die Schultern hoch. Alessia schnitt den Text aus und vergrößerte diesen. Hannes las den Text. Er nickte „Ja, dass bin ich. Was ist daran falsch?“ „Nichts überhaupt nichts.“ Hannes konnte Alessia
nicht im Ansatz folgen. „United Nations Transitional Authority in Cambodia, sagt dir bestimmt etwas.“ Hannes nickte bei ihrer Frage „Natürlich. Der größte UN Einsatz der Geschichte dieser Organisation. In Kambodscha waren ab Februar 92 bis zu 21.000 Personen aus 100 Länder unter UN Mandat im Einsatz. Ich weiß nun nicht, auf was du hinaus willst.“ Alessia sah Hannes lange an, bevor sie weiter sprach „Ich treffe 14 Jahre später den Mann in Kabul, von dem ich als 17 jährige geträumt habe.“ „Bitte!?“ „Mein Vater war von Herbst 92 bist Sommer 94 immer mal für mehrere Monate unter diesem UN Mandat in Kambodscha. Er erzählte vieles von dem Land, den Menschen und den vielen Problemen durch die Rote Khmer. Für mich war dies alles unglaublich spannend. Dann erzählte er nach dem zweiten Einsatz von dir. Deine Projekte in der Region Svay Rieng. Ich träumte damals von einem solchen Ritter der Menschlichkeit. Ich stellte mir vor, wie du aussehen mochtest. Mir war über dich nicht viel bekannt. Franzose, 24 Jahre alt, der mit einer Kuh in die Schulen ging“ Hannes konnte nur den Kopf schüttelte. „Und Bildung für Kinder und ganze Dörfer neue Infrastrukturen gab. Nun sitze ich dir gegenüber.“ Er sah zu Alessia, Fiorenzo und Giannina, und wusste nicht was er sagen sollte. Er bestellte erstmal zwei Kannen Tee in den zweiten Stock.

„Ich bin überwältigt. Das nächste: ich komme aus Deutschland, meine Frau war französin, ich lebte seit 1989 in Thionville bei ihr. Meine Kühe hießen Sangkhum und Sraleanh – Hoffnung und Liebe. Wobei ich wenige Tage später Sangkhum kaufte. Sie war wirklich sehr zutraulich und hörte wie ein Hund. Es stimmt, wir beide waren in Schulen. Schulen, die meine Frau zu dieser Zeit aufbaute.“ „Patricia Lefèvre, war deine Frau?“ Fragte Alessia erstaunt. Hannes schloss bei dem Namen die Augen und nickte langsam.
Ein Page brachte den Tee. So konnte er sich unbemerkt die Tränen wegwischen. Alessia sah es trotzdem. Sie sah seinen traurigen Blick und entschuldigte sich. „Patricia ist vor fast sieben Jahren gestorben. Sie hatte Leukämie.“ „Mein Gott! Das wusste ich nicht. Entschuldigung.“  „Ist schon in Ordnung. Irgendwann werde ich darüber hinweg kommen. Ich versuche es zumindest. Ja, nun sitzt der Ritter der Menschlichkeit mit Tränen in den Augen der Prinzessin gegenüber.“
Den drei Italiener war dies alles sehr peinlich und Hannes wollte diese Runde nicht einfach so auflösen. „Spielt jemand von euch Billard?“ Fiorenzo nickte. „Kommt, wir gehen den Gang hinunter. Da gibt es noch einen Meeting Point, da steht mein Billardtisch.“ Fiorenzo zog bei dem Wort “mein“ die Augenbrauen hoch.  „Ich hatte früher mit einem Schulfreund von Patricia sehr oft Billard gespielt. Nun ist er Geologe auf Korsika. Aus sentimentalen Gründen wollte ich einen Tisch auf meinem Stockwerk haben.“ 
Alessia und Giannina konnten nicht so gut Billard spielen. Da in einem Team gespielt wurde und Giannina bei Fiorenzo war, war es ein sehr ausgeglichenes Spiel.
Bei dem Spiel konnte auch anderst geredet werden, als in der Sitzecke.
So verbrachte der Sicherheitschef auch mal einen schönen Nachmittag. Mit Marcel konnte er nicht spielen. Dessen Auge auf die Präzision der Kugeln war ihm ein viel zu starker Gegner.

16.00 Uhr Koordinierungsraum

Hannes schrieb eine Mail nach Thionville. Er wollte Bernhardt und Franziska mitteilen, wie sich in Gardez alles entwickelte. Er schrieb auch die Geschichte über Amira und das er zur Zeit unglaublich viel zu tun hatte und dadurch auch kaum noch aus dem Hotel kam – also einen sicheren Job machte. Der Terror war hinter der Mauer der Hotelanlage.
5 Minuten später rief Franziska bei ihm an. „Hallo Hannes, ich las eben deine Mail und hatte Tränen in den Augen bei dem was du geschrieben hast. Auf den Fotos, die du geschickt hast, kann ich diese Veränderung von dem Mädchen gar nicht glauben. Du bist ein guter Mensch. Das du diesem Mädchen eine neue Identität verschafft hast, zeigt deine größe an Menschlichkeit. Wir freuen uns, wenn du nach Thionville zurück kommst.“ „Ich wollte nach dem Einsatz noch kurz zu Claude nach Korsika fliegen. Ich habe es ihm versprochen.“ „Très bien. Claude ist dein Freund. Wir alle sind und waren immer für dich da. Dies wird sich auch niemals ändern. Du hast eine Heimat! Komm zurück. Ich soll dich auch ganz lieb von Inès Strasser grüßen.“

Inès. Ja, was war dies für eine Begegnung nach so vielen Jahren. Wer weiß was passiert wäre, wenn sie ihn auf dem Friedhof nicht getroffen hätte? Hatte Gott ihm Inès als Engel geschickt? Er würde wieder so gerne in eine Kirche gehen. So gerne mit Gott reden. Natürlich könnte er dies an jedem Ort der Welt tun. In einem Gebäude, dass für Gott gebaut wurde, war es doch ein anderer Moment als sein Hotelzimmer oder Arbeitsplatz.

Im schlauen World Wide Web fand er sogar eine katholische Kirche in Kabul. Sollte er doch mal wieder in die Kirche gehen? Er war noch nicht einmal katholisch. Bei Gott spielt die Konfession keine Rolle.
Die Kirche war auf dem Gelände der italienischen Botschaft in Kabul, in der Great Massoud Road. 13 Kilometer von der Darulaman Road entfernt. Bei dem Verkehrschaos in Kabul konnte er gute 30 Minuten Fahrt einplanen.

Er nahm eines der drei Telefone auf seinem Schreibtisch und wählte die siebenstellige Zahl der italienischen Botschaft in Kabul. Eine Frau begrüßte ihn auf italienisch am anderen Ende der Leitung. Einige Sprachen konnte er, italienisch gehörte nicht in sein Sprachrepertoire. Ciao buona giornata, Addio, Come stai? Hallo und guten Tag, Auf wiedersehen, wie geht es dir? War doch etwas wenig um eine Konversation in Italienisch zu führen.
Er sprach in englisch mit der Frau. Er stellte sich vor und erklärte ihr sein Anruf. Die Frau stellte ihn zu dem Pastor der Gemeinde, Mission sui juris Afghanistan, durch. Pater Giovanni Scalese hatte eine angenehme Stimme. Hannes spürte die Blicke seiner Mitarbeiter, es war ihm in diesem Moment egal. Er hätte schließlich auch von hundert anderen Telefone in diesem Gebäude anrufen können.
Er sprach mit dem Pater, was ihn bewegte diese Nummer anzurufen. Pater Scalese freute sich, dass ein deutscher ihn in Kabul anrief. Das Gespräch war gar nicht so lange geplant, als es am Ende wurde. Pater Scalese lud ihn ein, in der Great Massoud Road vorbei zu kommen. Täglich würde eine Messe gefeiert werden. Die Menschen die zu den Messen kamen, gehörten meist zu internationalen Organisationen, wie der UN oder Firmen, deren Mitarbeiter nur eine Zeitlang in Afghanistan seien.
Gerne folgte Hannes dieser Einladung, wenn er auch nicht wusste warum.

Beim Tee saß er im Park auf seinem Lieblingsplatz zwischen den Buchsbaumhecken und Weiden auf seiner rechten Seite, links war der große Springbrunnen 10 Meter von ihm entfernt. Der Grill von Oliver sah er 15 Meter weiter auf seiner rechten Seite vor einer langen Buchsbaumhecke stehen. Dieser Grill brachte schon so einiges an guten Gespräche.

Eliza kam zu ihm und setzte sich an den weißen rechteckigen Tisch dazu „Ich hatte vorhin dein Gespräch mitgehört. Ich bin katholisch. Wenn du zu dieser Kirche fährst, dürfte ich mitfahren?“ Er sah einen flehenden Blick in ihren braunen Augen. „Natürlich kannst du mit fahren. Es ist dein Recht auch mal frei zu machen. Lass uns morgen fahren. Ab Donnerstag bin ich wieder für ein paar Tage weg.“ „Ich habe schon mitbekommen, was du neben diesem Wahnsinnsjob noch alles tust. Solche Menschen gibt es selten. Wie gehst du damit um? Ich meine, du trägst eine Waffe, kannst Männer tot schlagen und Menschen erschießen. Dann baust du für Kinder eine Zukunft auf. Diese zwei Dinge sind so konträr, wie sie es kaum sein können.“ „Dann hast du auch die drei Blätter gelesen – ging ja sehr schnell rund im Haus. Ich wollte diesen Job nie. Nun mache ich ihn schon seit einigen Jahren. All dieses Kämpfen, der Terror und Tod hat in mir vieles sterben lassen. Trotzdem war in all den Jahren der Keim von meinem Traum in meinem Herzen. Ich hatte immer mal wieder kleiner Projekte in West- oder Zentralafrika für Kinder gemacht. Ich
entwickelte sogar ein Schulkonzept, dass UNICEF mittlerweile in fast allen Länder an der Armutsgrenze einsetzt. Es ist ein ganz simples Projekt, dass aber den Lehrern und Schüler keine großen Kosten entstehen lässt. Quasi Bildung für wenig Geld in einer Box. UNICEF nanne dieses Projekt: Scho…“ „School in a Box?“ Fiel ihm Eliza ins Wort. Hannes sah Eliza mit großen Augen an und nickte langsam. „Unglaublich! Für dieses Projekt spende ich jedes Jahr Geld. Das ist wirklich deine Idee?“ „Eigentlich die von meiner verstorbenen Frau und mir. Wir waren Anfang der 90er Jahre in Kambodscha, in einer Provinz nahe der Grenze zu Vietnam und  Armut erlebten wir dort täglich. Mangelernährung, Unterernährung und Krankheiten auch. Die Menschen hatten kein Geld. Dann kamen zwei junge Weltverbesserer und wollten Kinder Bildung beibringen. Wie? Ohne Hefte, ohne Bücher und ohne Bleistifte? Wir kauften schon genug von unserem eigenen Geld. UNICEF war in vielem sehr unflexibel oder dauert alles zu lange. Patricia kam die Idee, Tafeln zu benutzen – Tafeln, wie wir sie früher in jedem Kinderzimmer hatten. Mit einem Mitarbeiter aus unserem Team schnitten wir Holztafeln zu und lackierten diese mit schwarzer Farbe. Kreide gibt es auf der ganzen Welt. So fing alles an. “School in a Box“ passte bei meiner Frau in den Geländewagen. Bücher für Kinder hatten wir bergeweise in Phnom Penh gekauft. So konnten die Kinder mit einfachsten Mittel wenigsten das Alphabet und die Zahlen lernen. Kleine Texte schreiben und auch lesen.“

Eliza stand der Mund offen „Da sitzt ein Mann mir gegenüber, für den dies alles selbstverständlich ist. In all den Jahren, wo ich dieses Projekt unterstütze, habe ich nie deinen Namen gelesen.“ „Naja, was soll ich
sagen? Ich hatte in den 90er auch für UNICEF gearbeitet und so wurde unsere Idee dann von UNICEF aufgegriffen. Bei einer solchen Idee muss nicht zwangsläufig der Name des Ideengebers gegannt werden. Hattie Walker ist deine und meine Chefin und nebenbei eine sehr gute Freundin von mir. Sie kenne ich seit Januar 1990. Sie hatte damals bei UNICEF angefangen und war in Phnom Penh im Büro. Auch ihr ist diese Idee bekannt. Sie hatte von den ersten Prototypen Fotos in einem Militärzelt in Kampang Rou gemacht. Du kannst mir dies ruhig glauben. Als diese Idee entstand, hatte meine Kuh Sangkhum ihren Kopf auf meinen Oberschenkel liegen.“ „Hannes, ich glaube dir. Ich bekomme schon mit, was du für Kinder tust. Ein Flugzeug und gepanzerte Autos setzt du für deren Zukunft ein. Da müssen andere Menschen erst einmal hinkommen.“ „Ich habe das große Glück, dass Direktor Evans mich machen lässt, was ich will.“ „Stimmt. Dies habe ich in der Ausbildung in Fort Lee auch mitbekommen. Direktor Evans hält sehr viel von dir und du bist wirklich ein Ritter der Humanitären Hilfe.“ „Wie kommst du jetzt darauf?“ „Nila hatte uns vor zwei Wochen die Geschichte von Istanbul erzählt. Eine Videokonferenz mit einer Kronprinzessin, erlebt man auch nicht alle Tage.“ „Stimmt. War auch für mich eine völlig neue Erfahrung. Glaub mir, mir schlug das Herz bis zum Hals.“ „Was du am Tag unserer Ankunft sagtest stimmt wirklich, wir können stolz sein in diesem Team zu arbeiten. Ich bin stolz dich zu kennen. Ich werde auch dein anderes Projekt unterstützen, dies ist für mich Ehrensache.“ „Dankeschön. Das bin ich nicht alleine. Viele stehen für dieses Projekt.“ „Ich habe etwas anderes gehört. Du bist dieses Projekt. Nur du.“ „Okay. Dann nur ich. Lass uns essen gehen.“

Die Küche im Hotel war schon sehr international, denn nicht alle mochten die Afghanische Küche oder waren einfach zu engstirnig für etwas neues. Hannes wollte an diesem Abend Ashak, afghanische Lauch-Tortellini, essen. Er mochte diese Durcheinander von der persischen, der indischen sowie der osmanischen Küche. Eliza wollte dies auch probieren.
Mercan, eine der sieben Köchinnen im Hotel lachte immer, wenn er zu ihr kam. Sie wusste schon, dass sie ihm eine größere Portion auf den Teller legen konnte. Mit Eliza setzte er sich an die Wand von dem großen Speisesaal. Er mochte die Mitte nie. Ob dies mit seinem Beruf zusammen hing oder einfach nur eine Macke war, konnte er nicht sagen.

Natürlich brachte Mercan eine große Kanne Tee an den Tisch. Mittlerweile war es im Hotel bekannt, dass er in diesem Tee baden könnte. Ein Glas Tee? Lächerlich! Ein so großes Glas gab es gar nicht. Obwohl – die Kaffeetasse von Roger wäre eine Option.
Alessia kam mit Giannina und ihrem Tonmannn, Fiorenzo in den Speisesaal. Hannes winkte ihnen zu. Eine große Runde am Tisch, war immer für Gespräche gut. Er stelle seine Kollegin Eliza Novak vor. Nun wurde die Unterhaltung auf englisch weiter geführt.
„Ich soll dir noch einen Gruß von Gregory Flinn sagen“ sagte Alessia als sie sich an den Tisch setzte. Mit großen Augen sah Hannes Alessia an „Danke“, sagte er nach einer Weile. „Es ist schön dir beim denken zuzuschauen. Heute Mittag hast du von Gregory und seinen Reportagen gesprochen. Nun, ich bin Journalistin. So viele Journalisten mit Namen Gregory Flinn wird es wohl in Australien nicht geben – gibt es auch nicht. Nach unserem Billardspiel hatten wir im Internet nach ihm recherchier und was er schon für Reportagen und Dokumentationen gemacht hat. Sehr beeindruckend! Wirklich. Ich schreib ihm eine Mail. Als er kurz darauf geantwortet hatte, rief ich ihn an. Er schwärmte von dir in den allerhöchsten Tönen.“ „Schön, es freut mich, wenn er so über mich sprach. Ich mag ihn auch sehr. Sein Team war sehr pflegeleicht, alles passte in dieser einen Woche zusammen. Es waren und sind sehr nette und angenehme Menschen. John und Melvin hatten sogar unsere Psychologin rekrutiert um einige der Dokumentationen zusynchronisieren.“ „Ja, auch dies weiß ich. Das Interview mit einem Bodyguard bei der älteren Frau und ein Interview von dem Frauenhaus hätte er für einen Wettbewerb eines Renommierten Journallistenpreises in den USA eingereicht.“ Hannes fiel die Kinnlade herunter, bei dem was er von Alessia hörte. „Nein! Um Gottes Willen. Nein! Nicht das Frauenhaus! Die Mädchen und Frauen sind unter Lebensgefahr dorthin geflohen. Entschuldigt mich bitte, ich muss Gregory anrufen. Das darf er nicht tun!“ Alessia hielt ihm am Arm fest „Jetzt komm! Setzt dich wieder hin und komm auf die Erde zurück!“  Hannes sah mit entsetztem Blick Alessia an „Frauenrechte sind nicht in jedem Land dieser Welt willkommen -deine Worte!“ „Ja, ja. Hannes, meine Worte. Dieser Preis wird in den USA verliehen. Ich kann mir schlecht vorstellen, dass in einem Bergdorf in Afghanistan jemand ABC, CBS, CNN oder FOX schaut. Gregory ist wahrlich Profi genug um nicht die Identität von dem Mädchen oder den Ort zu nennen, selbst mir hat er nichts gesagt! Gregory hat einen unglaublichen Respekt vor dir.“ „Meine Güte! Alessia! Ich bringe übermorgen die Kinder an einen anderen Ort, einige Frauen werden hier im Hotel medizinisch versorgt. Das geht nicht. Das kann er nicht tun! Wenn jemand diese Mädchen erkennt, brennt hier dir Luft!“ Eliza sah Hannes an und hielt seinen Arm fest „Ich muss Alessia recht geben. Dieser Preis wird – wenn Gregory ihn bekommen sollte, weiter weg verliehen.“ Hannes schüttelte den Kopf „Ich habe die Verantwortung für 32 misshandelte Kinder und Frauen. Dies ist kein Kinderkarussell! In 40 Stunden könnt ihr Misshandlungen, Verbrennungen, Spuren von Folter mit eigenen Augen sehen! Dafür braucht man keinen Preis zu bekommen!“ Hannes stand auf und ging aus dem Raum.

In seinem Zimmer rief er Gregory an. Ihm war es egal, ob es bei Gregory Mitten in der Nacht war. Lange hörte er das tuten der Leitung. Jemand nahm den Hörer ab. „Gregory? Hannes hier. Tut mir leid, dass ich dich aus dem Bett hole, mir wurde eben von einer Frau Alessia Esposito gesagt, dass du ein Interview von Ellaha bei einem Wettbewerb eingereicht hast oder wirst. Das kannst du nicht machen!“ „Hal…“ „Gregory, du weißt am aller besten wie gefährlich dies alles ist.“ „Han…“ „Bitte mach das nicht. Bitte!“
Ruhe in der Leitung. Hatte er überhaupt die richtige Nummer gewählt? „Hallo…?“ „Ja, ich bin da. Hallo Hannes. Du gabst mir noch nicht einmal die Chance um zu antworten. Ich dachte mir, lass dich dann mal ausreden. Scheinst ja nun fertig zu sein.“ „Guten Morgen Gregory.“ „Guten Abend Hannes. Ich bewundere dich in deiner ganzen Art. Deinem denken für die menschlichkeit. Dies weißt du auch! Ich werde diese zwei Interviews in einer Sparte einreichen, die im Grunde nicht der Rede wert ist. Trotzdem möchte ich, wie auch du, diese Welt verändern und verbessern. Ich bekomme in Australien schon mit, was ihr so tut. Die Webseite spricht für sich. Was meinst du was hier los war, als ich diese Filme zeigte. Ich denke mich erinnern zu können, dass dich der Manager von Miranda Kerr angerufen hat. Wo blieb da dein Anruf mit diesem großen Entsetzten?“
Lange Pause, Hannes war am denken. „Bist du noch da?“ „Ja, ich bin noch da.“ „Ich bin mit ein paar Freunden am organisieren, wie wir die Spenden zu dir nach Afghanistan bringen können.“
„Spenden? Zu mir?“ „Ja. Spenden. Geld und Unmengen an Kleider und Spielsachen.“ „Tut mir leid.“ „Ich verstehe all deine Sorgen und Ängste wahrscheinlich besser als jeder andere Mensch auf dieser Welt. Du hast uns unbeschadet aus Khost nach Kabul geschafft. Ich kenne dich und deine Einstellung zu Menschen sehr gut. Wenn ich überhaupt Nominiert werde und diese Doku es zu einem der drei Plätze schafft, werde ich dieses Geld ohne zu zögern spenden. Ich wollte dich überraschen. Nie kompromittieren. Dafür achte ich dich viel zu sehr. Nun weißt du es eben schon früher. Ich werde auch wieder nach Kabul kommen.“
Es klopfte an seiner Tür. „Moment bitte.“  Alessia stand vor der Tür „Komm herein. Ich bin noch kurz am Telefon. Gregory, sag mir dein Problem. Ich werde eine Lösung finden.“ „Wir haben Spielsachen von Firmen bekommen, Kleider von Modehäuser, einen Berg an Schreibwaren. Drei Garagen beim Sender sind voll damit. Ein ordentlicher Geldbetrag von fast 100.000 Australischen Dollar. Ich habe die Webseite von “Help for Gardez“ gesehen. Sehr ansprechend. Ist diese Samira Ansary die, bei der wir geschlafen haben?“ „Ja, sie ist neu im Team. Ein Anwältin mit Biss. Diese Frau lässt nichts anbrennen.“ „Gib mir bitte ihre Telefonnummer“ „Moment.“  Hannes gab ihm die Nummer von Samiras Handy, wie auch die private E-Mail Adresse. „Gregory?“ „Ja.“ „Danke. Danke für alles. Tut mir leid, dass ich vorhin so reagiert habe.“ „Du bist menschlich. Da reagiert man so. Nun weißt du, dass auch ich dich unterstütze.“ „Danke, mein Freund. Gute Nacht.“

Alessia sah ihn an „Na? Wieder auf der Erde angekommen?“ „Scusa per l’inconveniente.” „Welche Unannehmlichkeiten?  Das du aus dem Speisesaal gestürmt bist? Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie du dich fühlst. Mir ist die Situation von Kinderehen nicht fremd. Du hast mich vorhin gar nicht aussprechen lassen. Gregory hat im Journalismus einen großen Namen. Was ich von dem Gespräch noch mitbekommen habe, hast du Menschen mit einer unglaublichen Macht an deiner Seite. Da hatte ich als 17-jährige doch von dem richtigen Mann geträumt.” „Lass uns Billard spielen.”

„Du willst morgen in eine katholisch Kirche gehen?“ „Ja, in Kabul gibt es eine Kirche auf dem Geländer der italienischen Botschaft. Sind etwa 13 Kilometer von hier entfernt. Ich bin noch nicht einmal katholisch oder ein Kirchgänger, trotzdem brauche ich hin und wieder den Kontakt zu Gott.“ Alessia legte den Queue auf den Tisch „Das musst du mir mal erklären.“ „Okay, dann setzen wir uns.“
Auf der organgenen Rundcouch an diesem Meeting Point erzählte Hannes ihr von seiner Faszination von Kirchen oder Mittelalterlichen Gebäude.
„Willst du ein Bier trinken?“ Alessia sah in mit großen Augen an „Ein Bier? Hier in Afghanistan?“ „Ja. Genau hier in Afghanistan.“ „Gerne“

Hannes ging die paar Meter in sein Zimmer und kam mit zwei Dosen Budweiser Beer zurück.
„Ist zwar kein Moretti oder Peroni und auch nicht gerade die Krönung der Braukunst – aber besser als nichts.“ „Du bist schon eine Marke.“
Hannes erzählte ihr von seinen Gesprächen mit Gott in der Basílica i Temple Expiatori de la Sagrada Família, in Barcelona oder in Santiago de Compostela. Er erzählte ihr von Kambodscha, was er am Mittag noch nicht gesagt hatte. In welchem Umfang ihr Traumprinz dort Ortschaften – ja sogar ganze Landschaften verändert hatte und welches Elend er sah.

„Welches Bild hast du nun von mir? Sind deine Träume geplatzt wie ein Luftballon?“ Alessia sah ihm tief in die Augen „Im Gegenteil! Ich konnte nur das Träumen, was mir bekannt war oder das was ich dachte. All diese Erzählungen von meinem Vater über dich, sind nicht im Ansatz das, was du bist! Durch diese Erzählungen von den fernen Länder und Kulturen, hatte ich angefangen Journalismus zu studieren. Ich bin heute immer noch so neugierig auf Länder und Kulturen wie mit 17 Jahren. Leider sind Nachrichten über Krieg, Bomben und Tod es, was die Leute interessiert – oder auch nicht. Das Gespräch mit Gregory war sehr gut und angenehm. Dieser Mann hat mir in zwei Stunden so viel über dich erzählt, dass es für mich mehr als eine Ehre ist, hier bei dir mit einer Dose Bier zu sitzen. Ich würde heute mit dir gerne zur Kirche fahren.“ „Sehr gerne, ich kann nicht so viel italienisch. Pater Scalese sagte nur, dass es eine internationale Gemeinde sei. In welcher Sprache er die Messe feiert, sagte er mir nicht.“ „Wie komme ich nach Gardez? Ich würde gerne dort weiter machen, wo Gregory aufhörte.“ „Gute Frage. Ich fahre am Donnerstag dort hin. Ich nehme die Direktorin mit zu diesem Frauenhaus und wir schaffen die Kinder nach Gardez. Wenn du und dein Team bei mir mitfahrt, kann ich keine Kinder mitnehmen.“ „Verstehe ich.“ „In dem Frauenhaus wird es nichts mehr zu filmen geben. Das neue vielleicht, aber das noch bestehende wird in 36 Stunden Geschichte sein. Wenn ihr nur bis nach Gardez fahrt und dort bleibt, bis wir zurück kommen, habt ihr keinen Personenschutz. Soll ich für Donnerstag ein Fahrzeug und ein Team buchen?“ „Mach dies bitte. Jetzt noch so spät oder so früh in der Nacht?“
Hannes schaltete den Computer in diesem Meeting Point an, loggte sich ein und buchte für Donnerstag ein Bus mit drei Personenschützer.
„Das spanische Team ist gut. Liegt nun an dir ob du drei Männer oder drei Frauen als Personenschützer möchtest. Ein ganzes Team macht für Gardez keinen Sinn, dann bräuchten wir noch ein Fahrzeug.“ „Ist schon in Ordnung. Ich war in vielen Länder ohne Personenschutz. Ich war oft viel zu leichtsinnig!“ „Ja, hinterher sieht man vieles mit anderen Augen. Ich schreibe der Teamleiterin, Sofia Gonzales, dass sie dies Entscheiden kann. Ist das okay?“ „Ja, du bist der Chef.“ Er nickte.

Mittwoch 11. April. 9.15 Uhr

Nach dem Frühstück kamen Alessia, Fiorenzo und Giannina in sein Büro. Von der vielen Technik an den zwei Wänden und den unglaublich vielen Monitoren, Telefone und sonstigen Elektronischen Dingen auf den Tischen, waren die drei fasziniert. „So sieht es bei uns in der Redaktion nicht aus.“ „Glaube ich dir. Ich denke, dass eure Redaktion auch keinen Zugang zu militärischen Satelliten oder Geheimdiensten hat. Lasst uns fahren.“

Hannes meldete die Gruppe an der Rezeption ab. Die fünf gingen durch den Park zur Werkstatt. Natürlich war dieses Gebäude auch ein Gesprächsthema. Hannes erklärte, dass er dieses Gebäude entworfen hatte, wie auch den Burgfried über der Tankstelle.

Alessia stiegvorne bei ihm im Auto ein und schaute sich nochmals die Werkstatt und die Tankstelle an. „Der Traumprinz baute ein Schloss.“ Sie lachte ihn an „Du bist ne´ Nummer. Ich hatte heute morgen mein Vater angerufen und ihm von dir erzählt, es war unglaublich, dass er auch noch so viel von dir wusste. Ich soll dir einen Gruß sagen, auch wenn ihr euch nie begegnet seid.“

Das Verkehrschaos war wieder der blanke Horror in Kabul. Die Asmay Road am Zoo vorbei, war mal wieder völlig dicht.
„Hier links seht ihr den City Amusement Park, ein Freizeitpark mit Fahrgeschäften und einem schönen Park.“ Die vier Mitfahrer konnten gar nicht glauben, dass es einen solchen Park in Kabul gab. Am Dayar-e-Kabul, der Kabul Fluss, konnte man die Unweltverschutzung schwimmen sehen. „Meine Güte, wie dies hier alles aussieht!“ Sagte Eliza als sie den Müll an Plastik auf dem Fluss schwimmen sah. „Links vor uns ist der Zarnegar Park. Sehr viele Bäume und auch eigentlich gut angelegt. Leider fehlt dem vielen grün die Farben – zu wenig Blumen auf diesem Gelände. Bänke könnten auch locker fünffache aufgestellt werden. Aber besser als gar nichts. Wir haben auch einen schönen Park, da kann man sogar Grillen.“ „Ja das stimmt, der Park am Hotel ist wirklich toll.“ „Er trägt die Handschrift von der Frau vom Direktor. Kennt ihr ihn überhaupt?“ Alessia schüttelte den Kopf. „Er ist italiener. Ich kenne Marco und seine Frau schon einige Jahre.“ „Ist seine Frau die große, schmale mit den unglaublich schönen Haaren.“ „Jep. Das ist Tamina. Sie kann auch italienisch.“

Endlich war die Ebn-e-Sina-Road erreicht – die Hälfte der Strecke. Hannes erzählte über Marco und Tamina. Bei diesem Chaos brauchte man lange Gesprächsthemen.
Im Distrikt Shahre Naow waren viele Botschaften. Gebäude die alle mehr gesichert waren als Fort Knox. Hier sah man auch sehr viele gepanzerte Fahrzeuge. Einige der Fahrer dieser Fahrzeuge hoben die Hand zum Gruß. Sie machten alle irgendwie den gleichen Job wie er auch.
Im Stadtteil Warzir Akbar Khan sah man schon die Botschaft der USA. Panzer, Militärs, Mauern so hoch wie manche Häuser nicht waren. Ein riesiges Gelände. Ein Park mit Bäumen und Wasserläufe. Sah irgendwie dem Park vom Kapitol in Washington ähnlich, nur ein paar Nummern kleiner.

Endlich kam der Armoured auf den Zubringer zum Flughafen. Das war die Great Massoud Road. Hannes sah schon auf der rechten Seite die große graue Mauer von der italienischen Botschaft, den Eingang mit den Wachgebäude mit Panzerglas. Ein Wachmann trat auf den Armoured zu, Hannes öffnete das vierfach verstärke Seitenfenster vom Land Rover und zeige seinen Ausweis.
Alessia erklärte dem Wachmann auf italienisch, was der Grund für diesen Besuch sei. Der Wachmann winkte das Auto durch und sagte, wo er das Auto parken konnte.

„Ich hätte jetzt mit einer überprüfen aller Papiere und Personen gerechnet.“ „Eliza, ein solches Auto wird nicht kontrolliert. Vielleicht bei der Botschaft der USA. Die hätten womöglich noch den Motor ausgebaut. Meine Dokumente vom afghanischen Ministerium, mit der Erklärung meiner Person, zeigen schon ihre Wirkung. Ich darf in allen Öffentlichen Gebäude in diesem Land eine Waffe tragen. Ich zeigte dem Wachmann auch diese Bescheinigung. Hier auf dem Gelände werde ich diese nicht bei mir tragen müssen.“

Die Kirche auf dem Gelände der Botschaft war ein grauer quadratischer Betonklotz. Am Eingang war ein großes Fenster mit schmalen Betonpfeiler. Darüber hing ein Kreuz von eineinhalb Meter.
Beim betreten der Kirche bekreuzigten sich die vier. Hannes hielt dieses Ritual als nicht katholik überflüssig.
Die Kirche war recht schön eingerichtet. Einige Bankreihen, ein großer Altar der von unzähligen Kerzen flankiert wurde. Bilder an den Wänden von Jesus, dem Abendmahl, der Kreuzigung und anderen Heiligen. Hannes kannte nur drei. Achatius von Byzanz, Ägidius von St. Gilles und Katharina von Alexandrien. Alles starke Persönlichkeiten, Helfer oder Kämpfer für das Gute.
„Irgendwann hängt auch ein Bild von die an solchen Wänden“ sagte Eliza leise. „Ich bin nicht katholisch. Es reicht, wenn ein Schwert zum Ritterschlag in meinem Büro hängt.“ Eliza knuffte ihm gegen den Arm. In der ersten Reihen saßen fünf Personen und in der zweiten Reihe auf der rechten Seite sah er drei Frauen sitzen.

Hannes lies die Bilder der Heiligen auf sich wirken. Er war ein großer Fan von Nikolaus von Myra. Dieser Mann war in seinem handeln ein großes Vorbild für ihn. In seinen Gedanken vertieft war er am beten für die Vergebung seiner Schuld. Er dachte an die Kinder, die Patricia und er schon glücklich gemacht hatten. Er dachte an Ellaha und Amira. Unbewusst fing er an zu weinen. „Nikolaus, du bist mein Held“ sagte er leise und wischte sich die Tränen weg.

Pater Giovanni Scalese betrat den Raum. Er war in einem schwarzen Talar gekleidet. Begrüßte die Person in der Kirche und gab jedem die Hand. Alessia, Giannina und Fiorenzo begrüßten den Pater auf italienisch. Eliza und Hannes auf englisch. Pater Scalese ließ aus dem Lukasevangelium in italienisch. Es war der Respekt der größeren Gruppe. Denn wie Hannes es bei der Begrüßung  der anderen Besucher verstanden hatte, mussten diese italiener sein, oder zumindest diese Sprache sprechen.
Das Lukasevangelium kannte Hannes auch, so konnte der der Predigt doch teilweise folgen. Es tat ihm gut, die Worte, die er schon oft gelesen hatte, von einem Pater zu hören – wenn auch auf italienisch. Der Gottesdienst bei den katholiken wurde doch etwas anderst gefeiert, als bei den Protestanten.
Zum Schluß sprach Pater Scalese noch das Vater unser.

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

 „Amen.“ Es sind für viele nur Worte, für Hannes sind sie mehr. “Dein Wille geschehe“ Welcher? Der die Menschen zu beschützen, zu helfen oder von Angst, Furcht und Gewalt zu befreien?
„Vergib mir meine Schuld.“Schuld an dem Tod einiger Menschen, die er erschossen hatte?
“Sondern erlöse uns von dem Bösen.“ Hatte er dies nicht getan? Diese Worten aus dem „Varer unser“ quälten ihn schon seit Jahren. Gott lässt sich mit seiner Antwort sehr viel Zeit.

Nach der Messe saß die kleine Gruppe im Nebenraum der Kapelle. Hannes brannten seine Fragen auf der Zunge. Sollte er dem Pater diese anvertrauen? 
Alessia, Eliza, Giannina und Fiorenzo hörten seine Fragen zu, die er Pater Scalese stellte. Den drei Frauen kamen die Tränen bei seinen Worten. Fiorenzo saß regungslos zwei Stühle neben Hannes und auch er rang mit den Tränen.
Pater Scalese brauchte lange bis er antwortete. Wahrscheinlich wurden ihm solche Fragen noch nie gestellt. „Ist es eine Gute oder Böse Tat einen Menschen zu erschießen, der anderen Leid angetan hat? Es ist Ihr Beruf. Sind Soldaten andere Menschen, wenn diese Befehle ausführen? Ich sehe den Schmerz in Ihren Augen. Sie sind kein Mörder! Ein Mörder handelt aus niedrigen Motiven heraus, Sie beschützen mit Ihrem Können, Wissen und Erfahrung andere Menschenleben.“
Ob Gott dies auch so sehen wird, wenn Hannes irgendwann bei ihm an die Tür klopft?
Um dem Pater ein anderes Bild von Hannes zu zeigen, erzählte Alessia das, was sie nun alles von ihm wusste.
Wieder ließ sich Pater Giovanni Scalese Zeit um zu antworten. Er sah Hannes mit einem Blick an, der großen Respekt zeigte. „Gott wohnt in Ihnen mehr, als Sie es wissen. Sie tun so viel Gutes für Menschen, kämpfen seit vielen Jahren für Menschenrechte. Wir können an der Boshaftigkeit einiger Menschen nicht ändern. Nur das Leid anderer mindern. Dies tun Sie aus Ihrem Herz heraus. Eine solche Menschlichkeit ist in unserer Zeit selten. Hören Sie nie auf an das zu Glauben, was in Ihrem Herzen ist!“

Irgendwie hatte Hannes solche Worte schon öfter gehört. Hannes bedankte sich bei Pater Scalese für die Worte und lud ihn in die Darulaman Road ein. Hannes wollte, wenn es Pater Scalese einrichten könnte, hin und wieder einen Gottesdienst im Hotel abhalten. Denn es gab ja auch Personenschützer, Journalisten oder Mitarbeitern einiger Firmen die an Gott glaubten. Hannes erklärte dem Pater was das Hotel für ein Gebäude sei und der Pater sich um seine Sicherheit keine Sorgen machen müsste. Fahrzeuge um ihn abzuholen wären genügend vorhanden, oder er könnte mit den gepanzerten Botschaftswagen zu ihnen kommen.

Die Rückfahrt war eine andere als die Hinfahr zur Kirche. Das Verkehrschaos regte ihn nicht mehr auf. Schweigen im Auto war nie seine Art, nur was sollte Hannes jetzt sagen? Gute Messe? Gute Worte vom Pater an ihn? Eliza sprach zu den anderen im Wagen „Eine solche Messe habe ich noch nie erlebt. In einem der gefährlichen Länder der Welt, füllte ich mich Gott sehr nah.“ Sie fasste Hannes an seine rechte Schulter „Deine Fragen an den Pater taten mir im Herz weh. Trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen achte ich dich noch viel mehr. Ich möchte mit deinem Leben nicht tauschen.“
Die drei anderen im Fahrzeug nickten ihr zu.